Popp-popp-popp, frisst das Rentier
Der hohe Norden rückt uns näher

Hörzu
19.12.2014

Wie es wohl klingt, wenn Rentiere grasen? Das hatte ich mich nie gefragt. Popp-popp, popp-popp-popp. So macht es fast tonlos, wenn ihre Lippen im Schnee nach Flechten schnappen. „Sie haben nur oben Schneidezähne, unten nicht“, sagt Züchterin Unna-Maari Pulska. Wir sind im Norden Finnlands, bei den samischen Ureinwohnern. Unna-Maari studiert die Kultur der Sami – und folgt ihr auch selbst. Wie ihre Vorfahren. „Rentiere sind unser Leben“, sagt sie. Was sie an den Tieren schätze? „Dass jedes anders ist“, antwortet sie, „das eine scheu, das andere lebhaft, im Grunde wie wir Menschen auch.“ Unna-Maaris Dorf liegt unweit des Polarkreises, dem unsere Reiseroute folgt: von der Ostküste Grönlands durch Island, Nordskandinavien und Russland bis nach Alaska. Als wir die Tour planten, suchten wir nach Arktisbewohnern, die wir begleiten könnten, im Alltag, beim Arbeiten, unterwegs in grandioser Natur. Unna-Maari war einverstanden, stellte aber eine Bedingung: „Nicht die alten Klischees! Wir leben nicht mehr in Iglus.“ Selbst an der Uni in der südlicheren Stadt Oulu werde sie gelegentlich gefragt, ob es bei ihr zu Hause schon Strom gebe und Mobiltelefone. „Manchmal lasse ich solche Leute auflaufen“, sagt sie lachend im Interview. „Dann sage ich: ‚Nein, wir haben nicht mal Toiletten. Jede Familie hat dafür einen Baum, da setzt sich jeder auf seinen eigenen Ast.‘“ Bald darauf wirbelt sie am Schlagzeug der Heavy-Metal-Band „SomBy“, die schon etliche Alben aufgelegt hat. Natürlich in der Sprache der Ureinwohner. „Kulturen müssen sich anpassen“, sagen die Musiker, „sonst gehen sie unter.“
Wie wahr. Schon acht Jahre zuvor hatte ich den hohen Norden bereist, damals von Alaska aus durch den amerikanischen Kontinent bis ins grönländische Tasiilaq. Dort hatte uns ein junger Hundeschlittenführer namens Dines Mikaelsen empfangen, der mehr Zuversicht verbreitete, als ich angesichts der Klimaprognosen vermutet hatte. „Warum sollen wir warten, bis die Welt uns rettet? Sie wird es ohnehin nicht tun“, sagte er. „Grönland ist wunderschön. Wenn uns das Eis nicht mehr trägt, jagen wir eben keine Robben mehr, sondern fangen Fische. Wenn der Schnee taut, gehen wir wandern.“ Zu Beginn der neuen Reise sehe ich Dines wieder. Noch immer führt eine der schönsten Flugrouten der Welt nach Tasiilaq. Eingezwängt zwischen den Gepäckstücken der Dörfler filmen wir durchs Helikopterfenster die weißen Buchten, die vor Schnee strotzenden Berggipfel, die Eisdecke, die den Ozean noch immer bedeckt, obwohl die Kältephasen kürzer werden. Dines betreibt heute sein eigenes Gästehaus, baut entlang der Küste weitere und eröffnet in Kürze ein Café für Touristen. Er hat ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen, mit Praktika in Norwegen und Island. Die Regierung hilft ihm mit billigen Krediten. Einen Tag und eine Nacht lang ziehen wir mit ihm nach Norden, zum Außenposten Tiniteqilaaq. Am Sternenhimmel: die Polarlichter.
Morgens erklären uns Bewohner, dass sie einen Fischereibetrieb planen. „Früher haben uns die driftenden Eisberge die Fangleinen zerrissen“, sagen sie. „Jetzt gibt es kaum noch Eisberge. Und das wärmere Meer bringt uns neue Fischarten. Das können wir nutzen.“ Zuvor hatte Grönlands Regierung noch erwogen, den Ort aufzugeben. Pioniere im Gemüsegarten Später treffen wir einen Gartenbaupionier, der zu den ersten Kartoffelbauern der Insel zählt. Auch Rhabarber und Kohlrabi erntet er jeden Sommer. „Die Kinder freuen sich, dass hier tatsächlich Dinge wachsen, so wie sie auf den Samentütchen abgebildet waren“, sagt er. Als ein isländischer Friseur zum Haareschneiden ins Dorf kommt, zeigen ihm die Kids auf ihren Smartphones Abbildungen modischer Halfcut-Frisuren und sagen keck: „Die wollen wir auch!“
Die Arktis, bisher eher Sinnbild für Weltabgewandtheit und ewiges Eis, bricht auf. Je weiter wir reisen, desto mehr Beispiele folgen: Island weiß kaum noch wohin mit den Touristen. Selbst Wassersportler rühmen heute die Insel, die lange Europas Armenhaus war. An der Seite eines Tauchlehrers sinke ich in die Silfra-Schlucht hinab, zwischen den Felswänden der amerikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte. Das kalte, klarblaue Wasser bietet 100 Meter Weitsicht. Norwegen wiederum verhalfen neue Ölquellen zu Reichtum. In Oslo denkt man sogar darüber nach, die hohen Steuern zu senken. In den Norden Schwedens hat Facebook eine Megahalle für seine Datenserver gestellt, um sie mit Frischluft zu kühlen – statt in den USA mit teuren Klimaanlagen. Ein paar Reisestunden weiter lädt ein Familienbetrieb internationale Autofirmen ein, auf Eispisten ihre Neuentwicklungen zu testen, von Motoren bis zu Bremsen. Extremwetter werde durch den Klimawandel zunehmen, freut sich der Chef, also auch der Bedarf an Tests. Zukunft statt Eiszeit In Russland ist es dann wieder das lockende Öl, das die Offiziellen beschwören.
Im Hafen von Murmansk wiederum befragen wir den Spitzenmanager des Rosatom-Konzerns. Andrej Stepanow hat uns auf den größten Atomeisbrecher des Landes geladen. Er ist sicher: „Die Region wird aufblühen. Moskau pumpt Milliarden in die arktische Infrastruktur.“ Bis zu zehn Meter dicke Eisschwellen könne sein Atomschiff mit Anlauf brechen, schwört er. Doch sein Erster Offizier verrät uns unter der Hand: Er fahre durch die Polarkappe schon heute wie durch Butter. Neue Seewege, lockende Bodenschätze – unter Reedern ist von einer Zeitenwende die Rede, folgenreicher als der Goldrausch in Amerika. Später, in Jakutsk am Lenaufer, bestätigt sich das Bild. In der bislang kältesten Großstadt der Welt, früher ein Verbannungsort, schießen heute Hochhäuser aus dem Permafrost. Der Stadtarchitekt stellt sie auf zwölf Meter tiefe Betonpfeiler und hält zwischen Erdboden und Erdgeschoss einen Zwischenraum offen. Grund: Die alten Häuser ließ schon die eigene Abwärme einsinken. Derweil schnitzt ein Kunstprofessor in seiner Werkstatt mit Studenten Figuren aus den Stoßzähnen von Mammuts, die Abenteurer aus Jakutiens tauender Tundra anschleppen. Nach dem Dreh muss der Mann zum Flughafen: Er bestückt Ausstellungen in China und Japan.
Allein in Alaska, wo wir die Polarkreisumrundung acht Jahre nach der ersten Reise vollenden, halten sich Aufbruch und Sorge die Waage. Im Walfangdorf Point Hope, das als älteste bewohnte Siedlung Amerikas gilt, würden zwar manche dem Drängen der Öllobby nachgeben. Doch die Mehrheit ist skeptisch. „Das Meer ernährt uns seit 2000 Jahren, es ist unser Garten“, sagt mir Bürgermeister Steve Oomittuk. „Wenn in deinem Garten einer nach Öl bohren will, möchtest du auch nicht, dass der erst üben muss.“ Die Inuit verlangten eine Garantie, dass es zu keiner Ölpest komme, doch die Firmen konnten die nicht geben. Im Gegenteil: Ihre Krisenpläne für die Arktis waren lausig. Bislang haben die Dörfler vor den US-Gerichten fast alle Prozesse gewonnen. KLAUS SCHERER