Was bleibt vom System Trump?
Ende einer denkwürdigen Amtszeit

Pirmasenser Zeitung
02.12.2020

Donald Trump hatte Recht. In Washington herrsche ein korrupter Sumpf, sagte er oft, und Amerikas Kernland gebühre mehr Respekt. Zumindest wenn man auf die „Grand Old Party“ (GOP) seiner getreuen Republikaner blickt, stimmt das. Denn am Ende war es gerade das Rückgrat konservativer Provinzpolitiker, das Trumps Putschversuchen nach dem Wahltag standgehalten hat - während die sogenannte Partei-Elite in der Hauptstadt nahezu geschlossen die Zündeleien hinnahm oder, wie Wortführer Lindsey Graham, sogar noch mit befeuerte. „Republikaner werden für ihre Ideen gewählt“, so der einflussreiche Senator auf Fox News, „die Demokraten aber gewinnen nur, wenn sie betrügen.“

Als standhaft verfassungstreu erwiesen sich auch all die Richter im Lande, die unbeeindruckt vom Getöse der Trump-Anwälte Dutzende substanzloser Klagen abwehrten. Schlichtweg indem sie auf Beweise jenseits der durchsichtigen Gerüchte pochten.

Dass sich Trump denkbar schwertut, mit dieser Wirklichkeit zu leben, ist kein Wunder. Schließlich kam er mit seinen „alternativen Fakten“ und Zweitwahrheiten in vier Amtsjahren erstaunlich weit. Seine mäßige Zuhörerschaft am Inauguration Day? Die größte der Geschichte! Die im Land wütende Pandemie? Völlig im Griff! Der Getreue Michael Flynn, der für ihn das FBI belog? Ein ehrenhafter Mann. Begnadigt! Über 20.000 von der „Washington Post“ dokumentierte Lügen und Falschaussagen des US-Präsidenten? Fake News, was sonst!

Sogar als im Impeachment-Verfahren gegen ihn die US-Senatoren in der Richterrolle waren, schien den Republikanern unter ihnen Beweiswürdigung nicht gar so wichtig. Zeugenaussagen, etwa des früheren Trump-Vertrauten John Bolton, verhinderten sie lieber, um stattdessen linientreu der Verschwörungsphantasie zu folgen, wonach die gesamte Russlandaffäre trotz erdrückender Hinweise nur Teil einer linken „Hexenjagd“ gegen Trump sei.

Mit seiner Abwahl muss der Noch-Präsident nun also noch etwas anderes anerkennen: Die Rückkehr der Wirklichkeit. Was wird danach vom Phänomen Trump bleiben?

„Wir wissen, dass Konsumenten den Matratzenladen wechseln, wenn sie auf dem letzten Kauf schlecht schliefen“, erklärte im ARD-Interview einmal der Medienwissenschaftler Frank Sesno von der Washingtoner „School of Media“. Ebensowenig hielten Zuschauer ihrem Wetterkanal die Treue, wenn dessen Vorhersagen auf Dauer nicht zuträfen. „Aber wir wissen noch nicht“, sagte Sesno, „ob sie auch in der Politik dem folgen, was sich langfristig bewahrheitet. Oder ob sie da lieber das glauben, was sie halt glauben wollen.“

Dass sich der Präsident der Zweitwahrheiten dank einer unerschütterlichen Wählerbasis nun auch als eine Art „Zweitpräsident“ wird halten können, wie die US-Nachrichtenplattform „politico“ mutmaßt, erscheint dennoch unwahrscheinlich. Zu Trumps Image gehörte zuallererst eben seine Erfolgsaura, zumindest gefühlt. Auch half ihm der präsidiale Rahmen, der allem, was er sagte oder twitterte, stets höchsten Nachrichtenwert garantiert hat. Beides dürfte ihm bald bitter fehlen. Genau besehen, sind die Schrammen schon erkennbar. Oder wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass Fox News oder Twitter Wortbeiträge eines US-Präsidenten einmal mit Warnhinweisen spicken würden?

Ist damit auch das System der Zweitwahrheiten selbst am Ende? Nicht unbedingt. Immerhin funktionierten sie schon vor Trumps Amtszeit. Etwa als er die Behauptung in die Welt setzte, der Präsidentschaftskandidat Barack Obama sei kein gebürtiger Amerikaner, die Geburtsurkunde gefälscht, seine Wahl mithin illegitim. Eine längst widerlegte Lüge, der in Umfragen unter Republikanern bis heute Mehrheiten folgen, ganz im Sinne von Medienforscher Sesno.

Andererseits: Bekanntlich gewann Obama trotzdem. Klar. Zweimal. Was an der Debatte über Verschwörungserzählungen allmählich auffallen sollte, ist, auch in Deutschland, dass sie geführt wird, als hätte es nie zuvor politische Propaganda gegeben. Als sei auch die Wirklichkeit selbst plötzlich nicht mehr überzeugend genug, bevor der letzte ignorante Schreihals schweigt.

Verschwörungserzählungen mögen Konjunktur haben, sie mögen im digitalen Denkblasen-Dschungel mehr und mehr Nährboden finden. Eine Erfolgsgarantie aber boten sie ihren Urhebern und Nutzern nie. Schon als die US-Populistin Sarah Palin republikanische Kernwähler begeisterte, verprellte sie zugleich andere Konservative mit Collegeabschluss oder mehr. Dennoch korrigierte die Partei nie den Kurs, im Gegenteil. Das Substanzvakuum, in das Palin schrill geströmt war, bot am Ende sogar einem Donald Trump hinreichend Platz.

Welche Richtung werden die GOP-Oberen jetzt wohl wählen? Normalerweise fegt eine Partei nach einer Niederlage, auch nach einer knappen, die Scherben zusammen. Sucht Ursachen. Stellt sich neu auf. Mag sein, dass das noch geschieht. Bisher allerdings hofieren die möglichen Trump-Erben allein dessen Hardcore-Basis, die sie zu brauchen glauben. Obwohl unklar ist, wie groß der Anteil überzeugter Trump-Fans an den Wählerstimmen wirklich war.

Senator Graham jedenfalls scheint schon nach Wegen zu suchen, damit in vier Jahren auch keine standhaften Stimmenauszähler mehr stören. Kritik daran, dass er persönlich bei den Verantwortlichen im Bundesstaat Georgia anfragte, ob sich das Ergebnis noch zugunsten Trumps umändern ließe, nahm er gelassen hin. „Wenn wir jetzt nicht das Wahlsystem herausfordern und ändern“, beschwor er das drohende Unheil, „wird nie mehr ein Republikaner US-Präsident werden.“

Was genau er am Verfahren ändern will, ließ der Senator offen. Aber in einem Land, in dem schon jetzt gut sechs Millionen Stimmen Vorsprung nicht zwingend für einen Wahlsieg reichen, tut man wohl gut daran, nichts vorschnell auszuschließen.