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Wer bringt den Kurswechsel?

17. Oktober 2008, Hörzu

Barack Obama oder John McCain? Kurz vor der Präsidentenwahl am 4. November reiste ARD-Korrespondent Klaus Scherer durch die USA und fragte die Menschen: Welchem Kandidaten trauen sie zu, die Krise des Landes zu meistern?

Nacktes Entsetzen auf den Gesichtern der Wall-Street-Broker. Noch immer hat die Katastrophe alle im Griff, die Aktienhändler haben keine Ahnung, ob es mit den Kursen an den Börsen in Amerika und anderswo bald wieder aufwärts geht oder die Lage noch schlimmer wird. Weit weg, irgendwo draußen in Iowa, lachen die Farmer zwischen ihren Treckern, dass unter den Karohemden ihre Bäuche beben: Ob sie denn hier draußen in Iowa die Finanzkrise hätten heraufziehen sehen, hatte ich gefragt, als unsere Kamera sie zwischen ihren Treckern in den Blick genommen hatte. „Warum sollte jemand ein Haus für eine Viertelmillion Dollar kaufen können, ohne einen Dollar Eigengeld?“, winken sie ab. „Die Steuerzahler sollten auf die Barrikaden gehen, wenn die Regierung jetzt die Banken raushaut, die Millionen von Habenichtsen ihre Risiko-Kredite aufschwatzten.“ Andererseits, rette man die Wallstreet nicht, so schieben sie nach, gehe wohl das ganze Land den Bach runter. Es hätte, kurzgefasst, auch eine Rede zur Lage der Nation sein können.

Es ist der Tag, an dem George W. Bush ins Weiße Haus lädt, um die Parteien auf das 700-Milliarden-Gesetz seines Finanzministers einzuschwören. Später wird es den Kongress ebenso in Turbulenzen stürzen wie die Börsen. Der Republikaner John McCain wird in Umfragen zurückfallen, weil er sich angesichts der Krise zunächst in Kraft-Posen gefällt, dann aber nicht mal seine Parteifreunde im Griff hat. „Wählen Farmer hier denn alle den gleichen Kandidaten?“, frage ich die Bauern weiter. Da schaut ein jeder in eine andere Richtung. „Naja, Obama will den Reichen Geld wegnehmen und es den Armen geben“, sagt schließlich der Wortführer. „Das ist auch nicht sehr amerikanisch.“

Wir sind unterwegs, um die US-Wähler kennen zu lernen. An der Seite der Farmer legen wir eine Mittel-Etappe zurück. Startpunkt war San Francisco, Ziel ist New York. Der Film wird ein Experiment: Eine politische Reise, durch ein weites, wunderschönes Land und zugleich durch die Wahlkampfthemen: Wirtschaftskrise, Gesundheitsmisere, Bildung, Krieg. Nebenbei wollen wir nach dem deutsch-amerikanischen Verhältnis fragen. Die Filmmusik, Variationen der US-Nationalhymne, steuert mein bewährter Soundtrack-Komponist aus Hamburg bei.

Ölquellen leer, Pumpen still

In der kalifornischen Highschool, wo unser Dreh begann, war uns bereits nach Moll-Begleitung: Ein erschütternder Vortrag eines jungen Mannes vor der gesamten Schülerschaft. Es ging um seelische Krisen. Der Referent war kompetent: Am Tiefpunkt seines Lebens war er von der Golden-Gate-Brücke gesprungen, um wie durch ein Wunder zu überleben. Eine Robbe beförderte den Bewusstlosen zur Oberfläche, die Küstenwache war in der Nähe.

Beim Strandspaziergang erzählt er uns, das Land verdränge die Probleme Jugendlicher ebenso perfide wie es die Klimakatastrophe wegrede. Im Zug nach Osten durch die verschneiten Rocky Mountains fragen wir den Schaffner, auf welchem Gleis er denn sein Land gerade fahren sehe. „Nun, es ist Zeit, dass wir diesen George W. Bush loswerden“, sagt er und blinzelt gleich dem nächsten Fahrgast zu. „Ich wäre lieber Euch los“, knurrt der prompt durch die Enge. „Ich muss nämlich hier vorbei, aufs Klo.“

Kevin heißt der Ort, wo wir den nächsten Stopp einlegen. Montanas Osten, ein vernageltes Kaff, umgeben von rostigen Riesentanks. Die Ölquellen leer, die Pumpen still. Endlos pfeift der Wind pfeift. An einer Kreuzung blinkt am Abend bunt der Schriftzug „Bar“. Ein Muss für den Reporter. Im Rauch- und Frittenmief essen Ehepaare Fleisch aus der Mikrowelle mit Pürree und Fertigsoße. Es ist das Highlight ihrer Woche. Die Söhne des Ortes riskieren derweil im Irak ihr Leben. „Haben Sie den Deutschen übel genommen, dass sie damals nicht mit nach Bagdad zogen“, frage ich irgendwann. „Warum sollten wir“, überrascht uns der Älteste. „Das war eine kluge Entscheidung. Wir hätten sie selber so treffen sollen.“ Keiner widerspricht. Ob er zur Wahl gehen werde? Nein, nie, sagt er, das mache keinen Unterschied. „Ich wohl“, feixt seine  Frau. „Und? Wer kriegt die Stimme?“, frage ich nach. „Vielleicht der Schwarze“, grinst sie,  „nur mal zum Spaß.“

Mit 70 Lesen Lernen

Filmschnitt. Kanonendonner, Rauch, Parademarsch. Es ist der letzte Tag, an dem Oberst John Nagl Uniform trägt. Wir sind in Kansas, Fort Riley, ein Ausbildungslager für US-Soldaten, bevor sie in die Kampfzonen geflogen werden. Nagl, obwohl erst Anfang vierzig, kennt sie zur Genüge: Die Irakkriege aus eigenem Erleben, den Vietnamkrieg aus der Doktorarbeit mit Stipendium in Oxford. „Ein Krieg gegen Aufständische wird heute nicht mehr mit Geschossen gewonnen“, sagt er, „sondern mit Ideen, Bildung und wirtschaftlichem Aufbau.“ Mit Frau und Kind zieht Nagl nun, sobald die Abschiedsparade abgenommen ist, nach Washington. Dort wartet ein Beraterjob auf ihn, der ihm ermöglicht, was in der Armee kein Vorgesetzter gerne sieht: kritisches Nachdenken. Was wird das Schwierigste sein an solch einem Wechsel? „Jeden Morgen zu entscheiden, ob ich braune oder schwarze Schuhe trage“, sagt er. „Und welche Krawatte.“ Auch seine Frau freut sich auf die Hauptstadt. „Armeestandorte werden gebaut, wo Land billig ist“, sagt sie. „Wer keinen Spaß an Geländeautos, Jagd und Fischen hat, ist da ziemlich verloren.“ Amerikas Zukunft? Der Sprit müsse besteuert werden, so wie in Deutschland, sagt Nagl, und die Außenpolitik kooperativer. Für die Deutschen bedeute das mehr Einsatz in Afghanistan, egal wer Präsident werde.

Erneut peilen wir eine Schule an, diesmal die Erstklässler. St. Joseph, Missouri. Der Schulanfänger, dessen Geschichte uns hierher gelockt hat, ist schwarz und noch nicht sehr erfolgreich. Dennoch verdient er all unseren Respekt. Der Mann ist über siebzig. Seiner alten Mutter hatte er einst versprochen, lesen und schreiben zu lernen. Etwa 30 Millionen erwachsene US-Bürger, zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung, sind Analphabeten.

Dann reisen wir per Konvoi. Drei schwere Lastwagen einer Hilfsorganisation, die früher am Amazonas wirkte. Nun versorgen die Frauen und Männer hier Unter- und Nichtversicherte, vor allem mit Zahnplomben und Brillen. Die Kamera dreht tatsächlich Szenen wie im Dritte-Welt-Land. Die ganze Nacht hindurch lungern hunderte Patienten, viele mit schmerzvollen Mienen, vor der Eingangstuer der angemieteten Uni-Aula in Tennessee, die Helfer für zwei Tage wie ein Lazarett herrichten. Andere Behandlungen können sich die Wartenden schon lange nicht mehr leisten, und nun, da die Wirtschaftskrise weitere Lücken reißt, erst recht nicht. Die Ärzte sind Freiwillige. „Es ist eine Schande“, sagt uns einer, „wie dieses Land seine Armen im Stich lässt.“ Über tausend Zähne werden sie hier ziehen, kistenweise Brillen anfertigen.

Über Washington, vorbei am neuen Schreibtisch des Zivilisten John Nagl – schwarzer Anzug, rosa Krawatte – erreichen wir per Boot die Freiheitsstatue vor New York. Unser Begleiter kennt sie wie eine alte Freundin. Jahrzehntelang hat er sie geputzt, innen wie außen, im Winter versuchte er oft, von der Fackel aus mit Schneebällen die Kronenspitzen zu treffen. Heute packt ihn Wehmut, weil Besuchern der Zugang zur Hochplattform verwehrt wird. Sicherheitsvorkehrung seit den Terroranschlägen von Manhattan. „Schon damit“, sagt er zornig, „haben die Terroristen erfolgreich unser Land verändert.“

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