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Wenn der Vorhang fällt

12. Oktober 2007, Hörzu

In der zweiten Folge seines Washingtoner Tagebuchs berichtet Klaus Scherer von der Suche nach George W. Bush, der Immobilien-Krise und der Kunst, Gardinen zu hängen.

Na, bitte. Ist doch gar nicht so schwer, exklusiv an George W. Bush heranzukommen. Gerade ein paar Monate hier, interviewe ich ihn gleich dreimal: den ersten, einen Roadie mit Bierbauch, Stoppelbart und Pferdeschwanz, besuchen wir in North Dakota, wo er gerade mit einer Country-Band tourt. Mit dem zweiten, einem Rechtsanwalt, fahren wir in Florida zum Hochseefischen. Der dritte, ein blasser Ingenieur, mäht akribisch den heimischen Rasen bei Cleyeland, Ohio. Um ehrlich zu sein, es war überhaupt nicht leicht; Zwar hatten wir in den US-Telefonregistem über 50 Präsidenten- Namensvettern ausgemacht. Fast alle legten jedoch wortlos auf, als wir sie fragen wollten, wie es sich in all den Jahren denn so mit dem Namen gelebt hatte. "Ich kann mir nicht mal eine Pizza ins Motel liefern lassen", winkt der Roadie ab. "Sobald ich meinen Namen nenne, höre ich am anderen Ende nur: .Klar. Und ich bin Donald Duck.'" Die drei George W. Bushs, die wir im ARD-"Weltspiegel" vorstellen, sollen jenseits der Alltags- Anekdoten stellvertretend für Amerikas Öffentlichkeit die Amtsjahre ihres Pen- dants in Washington bewerten. Das Zeugnis fällt schlecht aus, obwohl sie anfangs alle stolze Bush-Fans waren. Der Rasen- Mäher flüchtet sich nun in die Antwort, Nixon sei immerhin noch peinlicher gewesen. Dem Roadie dauerte der Irak-Krieg schon nach einem Jahr zu lange. Und der Anwalt hat dem Präsidenten nie verziehen, dass er den angesehenen Außenminister Colin Powell seinerzeit mit einer frisierten Rede über Saddam Husseins Waffenarsenale in die Uno schickte. In der Hauptstadt erinnert die Anhörung des US-Truppenchefs aus Bagdad, General David Petraeus, manche wieder daran. Erneut muss da nun einer mit allerlei Schaubildern den Eindruck verbreiten, die Dinge im Irak lägen klar. Nur etwas Zeit noch, dann sei der Erfolg der Truppen sicher. Doch die Demokraten haben da schon vorgebaut: "Wir wissen, dass Ihr Auftrag lautet, uns von einem greifbaren Sieg zu überzeugen", hatte der Mehrheitsführer schon zu Beginn geknurrt, "bei allem Respekt. Ich kaufe Ihnen das nicht ab." Draußen kochen derweil Emotionen über. Kriegsgegner haben Petraeus per Zeitungsanzeige als "General Betray-Us" verleumdet - als Betrüger also. Empörte Regierungsangestellte werfen nun in ihrer Mittagspause .lauthals den Demonstranten vor, sie seien Handlanger von bin Laden: "Ihr wollt wohl auch, dass wir alle zum Islam übertreten." Die Kraftprobe im Kongress, die zur Sternstunde für Amerikas Zivilgesellschaft hätte geraten können, endet ohne Sieger. Der Präsident tut seinen Kritikern nicht den Gefallen, mit seiner Amtszeit auch eben das Irak- Desaster zu beenden. Lieber vererbt er ihnen seinen Krieg - um sich dann vom Lehnstuhl aus anzusehen, wie auch sie daran scheitern, Zweites News-Thema der letzten Wochen: die Hypotheken-Krise. Aus Kalifornien berichten wir über einen Makler, der sich auf Notverkäufe spezialisiert hat. Stirnrunzelnd erzählt er von einem Schuldner, dem Banken Kredite für den Kauf von sieben Häusern gaben, bis die Immobilien-Blase platzte: "Danach gestand der Mann, er habe nie ein Bankkonto besessen, geschweige denn Geld. Er war gerade aus dem Knast entlassen worden, nach fünf Jahren Haft." Das Risiko hatten die Banker da längst auf dem Finanzmarkt verschoben. Tage später durchstreifen wir die Wüste Arizonas, an der Seite eines Pfarrers aus Tucson, von Hochglanz-Immobilien denkbar weit entfernt. Seine Gemeinde stellt nahe der Grenze zu Mexiko Trinkwasserbehälter auf, weil hier zuletzt Hunderte von Armutsmigranten qualvoll verdurstet sind. "Da der Grenzzaun jenseits der Wüste hochgerüstet wurde, bleibt denen nur der tagelange Marsch durch die Hitze", schimpft der Pfarrer. "Was antworten Sie Landsleuten, die Ihnen Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorwerfen?", frage ich. "Dass sie offenbar einen anderen Gott haben als wir", sagt er. Wieder zu Hause, weist mich die Papierlawine auf dem Schreibtisch weiter auf meine eigene, legale Einwanderung hin: Führerscheinprüfüng, Versicherungen, Telefonvertrag Ja, dank Ihres Daumendrückens, liebe Gabi Koch aus Dresden, kam in Woche zwölf auch meine Sozialversicherungsnum- mer an. Ich nahm sie entgegen wie eine Nobelpreisurkunde. Nun kann ich den Berg immerhin abarbeiten. Was gab's noch in Amerika? Gardinen, haben meine Frau und ich gelernt, hängt man hier nicht so auf, dass sie knapp über dem Boden enden, sondern lässt sie unten aufsitzen, bis ihre Falllinie krumm bricht. Nun müssen wir uns entscheiden - ob eher die deutschen oder die einheimischen Besucher denken sollen, wir hätten von Raumdekor wohl wenig Ahnung. Und: In George W. Bushs Schulklasse gab es noch einen zweiten Promi- Namensvetter: "Mein Sitz- nachbar", lacht der Roadie zum Abschied, "der hieß Jimmy Carter."

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Klaus Scherer | Journalist und Autor
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