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Aus dem Leben eines Reisepasses

Februar 2010, Zeitschrift der Bundesdruckerei

Zuweilen hatte ich drei davon. Was den deutschen Konsularbeamten nie gefiel, aber es gehörte halt zu einem Fernost-Korrespondenten. Wenn ich etwa auf ein Visum für Pjöngjang wartete, lag schon mal einer der Pässe wochenlang in Nordkoreas Botschaft. Umgekehrt freilich konnte dann auch so ein Schurkenstaat-Eintrag hinderlich sein – sobald es in US-Territorien wie Guam oder American Samoa ging. Japaner wiederum hatten ihre liebe Not, meinen Geburtsort zu entziffern: Thaleischweiler-Fröschen, ein Dorf in der Pfalz. „Ta-ru-ai-shu-wai-rah-fu-re-she-n“, mühten sie sich da stets ab. Dabei war das noch kurz. In meinem Erstpass, gleich nach der Gebietsreform, hatte noch akkurat gestanden: „Thalfröschen, jetzt: Thaleischweiler-Fröschen“.

Seitdem waren meine Pässe und ich viel unterwegs: Südsee, Arktis, Sibirien, Amerika. Die schönsten Stempel verdanken wir einem Grenzübergang zwischen Alaska und Kanada. Die beiden Grenzer fertigen dort den kurzen Sommer über täglich nur ein paar Wagen ab, bevor sie abends die Schranke schlie*en und gemeinsam grillen. Nun zieren ein Rentier und ein Goldgräber meine Pass-Seiten. Ähnlich originell waren auch die Beamten selbst. Auf die Reporterfrage, ob dies tatsächlich ein so leichter Job sei, wie es scheine, antworteten sie so kurz wie ehrlich: „Yes.“

Den kauzigsten Stempelhüter trafen wir jedoch auf der Südsee-Insel Pukapuka. Für den Fall, dass auf dem Atoll weitreisende Segelschiffe landen, verwahrt dort einer der Bewohner eine Holzkiste in seinem Gartenschuppen. Daraus kramt er dann die Insignien der Cook-Inseln hervor. Allzu geübt schien der Mann nicht zu sein. „Wie viele Reisende kommen denn hier so an im Jahr“, fragte ich nach. „Vielleicht…“, begann er still zu rechnen, und nahm sich auffallend viel Zeit dafür, während die Kamera lief und lief. Bis seine Gesichtzüge sich hellten und die Antwort sich vollendete: „…einer.“ Die Szene kam ungeschnitten in den Film. Und der Pass später in meine eigene Schatzkiste. Wie die anderen.

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