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Land des Widerspruchs

10. August 2007, Hörzu

Amerika bringt selbst weit gereiste Korrespondenten in Verlegenheit... Exklusiv in Hörzu schreibt Klaus Scherer in lockerer Folge sein Washingtoner Tagebuch.

Dass mir das noch mal passieren musste: Da habe ich nun halb Asien bereist, die Arktis, die Südsee und Sibirien, mithin in vielerlei Unterkünften dieser Welt gewohnt. Und nun bekomme ich ausgerechnet in einem amerikanischen Hotel den Wasserhahn nicht auf. "Sie müssen ziehen, Sir", erfahre ich am Telefon. Dabei kam mir so schon fast die Wand entgegen. Die nächsten Tage sind ähnlich befremdlich. "Ihre Sozialversicherungsnummer können wir leider nicht ausstellen, weil Ihre Einreise nicht festgehalten wurde", erklärt man meiner Frau und mir nach Stunden im Meldeamt. In "zwei bis sechs Wochen" werde sie zugeschickt. Ohne diese Nummer geht nichts - keine Kontoeröffnung, kein Telefon- Vertrag, kein Autokauf; Ein Leidensgenosse macht uns nicht eben Mut. Er komme schon zum dritten Mal ins Amt, immer nach der Sechs-Wochen-Frist. Ober Bürokratie klagt jeder in Amerika. Sein Preibad habe 2g Ordnungsregeln, iese ich bei eiaaem einheimischen Kolumnenschreiber nach. Seine liebste sei: "Nur ein Anlauf pro Sprung vom Brett." Ein Femsehkollege, der sich aus der Stadt verabschiedet, schmückt seine Rede damit, dass er es nie schaffte, in seinen US-Papieren das "female" (weiblich) in "male" (männlich) zu korrigieren. "Durch diesen Anfangsstress müssen alle, geben Sie sich etwas Zeit", raten unsere Zimmernachbarn. "Und kaufen Sie keine weißen Sachen mehr. Amerikanische Waschmaschinen kriegen die nicht sauber." Nach einer Woche sehe ich mich hier bereits in einem Nervenkollaps enden - zusammengebrochen vor einem Computerbildschirm, der anzeigt: "Herzlichen Glückwunsch zu den ausgewählten Küchenstühlen, die Sie nur online erwerben können. Geben Sie dafür bitte noch den Mädchennamen Ihrer Mutter ein, und halten Sie Ihre Sozialversicherungsnummer bereit." Wofür, zur Hölle, be-nötigt eine Möbelhandlung meinen Stammbaum? Bis dahin hatte ich noch die Frage auf dem Visumantrag für die irrwitzigste gehalten, ob man beabsichtige, in den USA an terroristischen Aktionen teilzunehmen ("Bitte ankreuzen: Ja / Nein"). Dabei wird hier über kaum etwas mehr debattiert als über Sinn und Unsinn mancher Sicherheitsmaßnahmen. Kein Tag, an dem sich der Präsident und seine verbliebenen Getreuen, deren Ansehen auf Rekordtiefen gesunken ist, nicht harscher Vorwürfe erwehren müssen: Irreführung des Parlaments, Missachtung der Verfassung sowie der Rechte von Kriegsgefangenen, Beschädigung des Ansehens Amerikas. Mein erster Bericht handelt vom Kräftemessen im US-Senat, wo die demokratische Mehrheit George W. Bush erneut zum Truppenabzug aus dem Irak zwingen will. Doch der kündigt sein Veto an. Um dies zu kippen, brauchen die Bush-Gegner zwei Drittel der Stimmen. Die haben sie nicht, auch wenn schon etliche Republikaner die Seite wechselten - aus Sorge um ihre Wiederwahl zu Hause. Im Land, so scheint es, ist Bush unten durch. Selbst Forderungen nach einer Amtsenthebung werden lauter Ein Gesetzesantrag wirbt dafür, den Präsidenten für sein Amtsgebaren zumindest offiziell zu rügen. Unterdessen kommt unser Möbelcontainer aus Hamburg an. Wir beziehen ein Einfamilienhaus mit Garten - und machen Bekanntschaft mit den Handwerkern: "Warum haben Sie einfach über Lichtschalter und Steckdosen gestrichen?" - "Das machen wir immer", zuckt der Maler mit den Achseln. Der Fachmann für den TV- Anschluss, der noch fragte, ob er das Kabel um den Türrahmen oder lieber durch die Wand verlegen solle, hat weder das eine noch das andere getan. "Vielleicht hätte es Ihnen ja nicht gefallen", rechtfertigt sich die Firma. Reklamation zwecklos. Das Geld ist weg. Tatsächlich muss man die Fußtruppen der "Servicefirmen" schon wieder in Schutz nehmen. Viele arbeiten hier für Dumpinglöhne, sind nur per Tagestraining ausgebildet. Die Besserung beginnt, als ich den Mietwagen zurückgebe. Weil die Klimaanlage darin zuletzt streikte, bitte ich um einen Preisnachlass. "Was halten Sie für angemessen?", fragt die Frau am Schalter. Ich schlage 20 Prozent Abzug vor. "Okay, sagen wir 25", antwortet sie mit einem Lächern, für das ich nun noch dankbarer bin als fürs Geld. Die Kinder schließen Freundschaft mit zwei Eichhörnchen, aus Nachbars Garten blickt ein Reh - nicht ungewöhnlich in der von Grüngürteln durchkreuzten Stadt. Weil mein Job eher die Hmtergnmdberichte sind, plane ich erste Reisen: nach Montana, um Großstädter auf einem Cowboykurs zu begleiten; in den "Rostgürtel" Ohios, wo eine bankrotte Stahlkocher-Stadt gegen den Protest der Bürger ganze Wohnviertel stilllegt; nach Florida, auf Hemingways Spuren. Zwischendurch beschäftigt uns bereits der Wahlkampf: Die Hoffiiungsträger der Demokraten, Hillary Clinton und der junge Barack Obama, liefern sich ihren ersten Streit. Sie wirft ihm Unerfahrenheit vor; er ihr, dass sie für Bushs Mobilmachung gestimmt hat. In Umfragen und beim Spendensammeln liegen beide vom. Bushs klammer Gefolgsmann John McCain musste gerade seine Kampagnen-Manager ziehen lassen. Bald dürfte er das Handtuch werfen. Die oft gestellte Frage ist nun: Wählt Amerika eher einen Schwarzen oder eher eine Frau? Clinton verspricht kalkulierbaren Wandel, zurück zur wirtschaftlich erfolgreichen Bill-Clinton-Ära. Obama stünde nach 20 Bush- und Clinton-Jahren für einen Neuanfang. Was fiel noch auf in Washington? Ungenießbares Muskatpulver auf Milchkaffee. Und dass es in Restaurants nie Apfelsaft gibt, das Lieblingsgetränk unserer Kinder. Stattdessen schlägt ein Kellner Pizza mit Pommes vor, was am elterlichen Veto scheitert. Dagegen ist bekanntlich eine Zweidrittelmehrheit nötig.

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