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"Wir loben den Herrgott dafür"

März 2010, Silent World, Tauchmagazin

Die Perlenzüchter des Südsee-Atolls Manihiki schätzen die Einsamkeit. Manchen ist sogar das Dorfleben zu hektisch.

„Als ich die Strecke zum ersten Mal flog, dachte ich: Wo bin ich denn hier?“ gesteht uns Pilot Nigel Booker mit deutlich britischem Akzent. Da ist es schon fast drei Stunden her, dass unser Kleinflieger Rarotonga, den Hauptort der Cook-Inseln, hinter sich gelassen hat. Seitdem sahen wir nur endlos weites Meer und ein paar Wölkchen. Manihiki heißt die Außeninsel, die wir weiter nördlich anpeilen. „Wir kontrollieren da immer sehr genau den Treibstoffpegel, weil es sein kann, dass der Sprit nicht reicht“, sagt Booker. „Dabei lassen wir schon drei der zwölf Sitzplätze frei, um mehr davon laden zu können. Trotzdem gibt es unterwegs einen Punkt, an dem wir uns entscheiden, ob wir weiterfliegen oder umkehren.“ Es gebe hier draußen keine anderen Flugzeuge mehr, von denen man mal einen Funkspruch höre. „Nur uns“, lacht er. „Anfangs fand ich das doch ziemlich einsam.“

Wie eine Seeschlange windet sich dann irgendwann das schmale Atoll vor uns, zu einer lückenhaften Landform zwischen Kreis und Raute. Eine Inselkette mit kürzeren und längeren Gliedern, die kaum Platz für eine Landepiste bieten. Spät erkennen wir die wenigen Häuser. Türkisfarben und glatt ruht die Lagune. Fast so unwirklich wie einst das Plastikfolien-Meer der Augsburger Puppenkiste. Und wie an jenen Marionettenfäden tänzelt nun die Maschine auf die gelbliche Staubpiste zu. „Die Rollbahn ist kaum 1200 Meter lang“, erklärt uns Booker, als die Reifen aufsetzen. „Bei schlechtem Wind hängen wir hier erst mal fest.“

Eine Holzhütte als Terminal. Kindergesichter lugen über die Dachkante. Ihr Giggeln lässt erst nach, als unter ihnen der Prediger die Ankömmlinge grüßt, die Augen schließt und betet. Ein Flugzeug landet hier nicht alle Tage. Manihiki also. Das Atoll der schwarzen Perlen.

Unser Gastgeber heißt Emile, ein ruhiger, wohlgelaunter Mann mit Brummstimme, in Flipflops, Shorts und Unterhemd. Unter der breiten Baseballmütze kräuseln sich schwarze Locken. Als Einziger wohnt er am dorfabgewandten Ende der Rollbahn. „Dort drüben ist es mir zu hektisch“, sagt er ernsthaft, obwohl auch dort nur eine Handvoll Hütten stehen. Wie einer, der das Frankfurter Westend mehr schätzt als die Innenstadt oder New Yorks Upper East Side mehr als Manhattan. Mich hat das auf solchen Reisen immer fasziniert: Noch in den entlegensten Weltwinkeln lassen sich so die menschlichen Konstanten finden.

Die Küche ist im Freien, an der Rückseite des Hauses. Über Spüle und Herd baumeln Tauchuntensilien, der Lagune zugewandt. Wie fast alle Bewohner Manihikis verdient Emiles Familie ihren Unterhalt mit Perlenzüchten. In kleinen Plastiktüten reiht er uns seine Schätze

auf dem Tisch auf , sortiert nach Farb- und Rundungsgrad. Ein paar Exemplare rollt er bald in seiner Handfläche wie Stahlkugeln. „Das sind die besten Qualitätsperlen der Südsee“, sagt er stolz. Mit der letzten Ernte sei er sehr zufrieden. „Ich habe hier zweihundert davon, über die Hälfte in perfekter Form. Der Gesamtwert dürfte über 60.000 Neuseeland-Dollar liegen.“ Das sind rund 30.000 Euro.

„Darf ich eine anfassen?“, frage ich – und wundere mich, wie leicht sie ist, trotz ihres metallischen Scheins. Schön und schillernd liegt sie da. Ganz wie ein kleines Wunder.

„Wenn Sie eine Auster öffnen und solch eine Perle darin finden, wie reagieren Sie da?“ –

„Ich lobe den Herren dafür“, strahlt Emile.

Dann zeig er uns, wo seine Muscheln brüten. Im Metallboot fahren wir ins Innere der Lagune, während die Sonne steil über uns vom blassen Himmel brennt. Die Atollwand sei dicht genug, um Haie außen vor zu halten, zeigt Emile ringsum zum Horizont. Beste Bedingungen für Perlenzüchter.

Wie vollbepackte Schiffe verteilen sich die Perlenfarmen auf dem Wasser, eine jede mit Wohn- und Arbeitsräumen, aufgebaut meist auf Koralleninseln. Emile teilt sich eine davon zur Erntezeit mit Nachbarn. Die eingeflogenen Spezialisten, die letztlich die Muscheln operieren, müssen sie teuer bezahlen. Ihr Ansehen gleich dem von Herzchirurgen.

Der Arbeitsgang beginnt im trüben Wasser, wo die Muschelstränge wie an Wäscheleinen hängen, bis in die dunklen Tiefen. Die verwitterten Bojen, die die Leinenenden halten, muten wie Seeminen des letzten Weltkriegs an. Die Taucher erledigen ihr Tagewerk ohne Equipment. T-Shirt und Taucherbrille reichen ihnen. Und dennoch pflücken sie unten minutenlang die brutreifen Zuchtaustern von den Strängen, um sie dann Korb für Korb im Boot zu verstauen.

Am Anleger der Farm stinkt es nach Tang und Algen. Auch hier ist jeder Handgriff eingeübt. Alle Helfer schuften wie im Akkord, denn es gibt gutes Geld. So manche Arbeitsschürze sammt sichtbar aus Luxuskaufhäusern in Auckland, Tokio oder San Francisco. Sobald eine Art Schrubb-Trupp die Austern saubergebürstet hat, wandern sie kistenweise weiter, um „gekeilt“ zu werden, zeigt uns Emile. „Die Muscheln sollen ja nicht verletzt, sondern nur behandelt werden.“ Mit sanften Schlägen treiben die Züchter nun Holzkeile zwischen die Schalenhälften, damit sie sich einen kleinen Spalt weit öffnen.

So präpariert erhält sie der Chirurg. Hier ist es ein junger Chinese, der in sechs Wochen auf Manihiki mehr verdient als zuhause im ganzen Rest des Jahres. Wortkarg und konzentriert spannt er jede Muschel vor sich in eine Halterung auf Augenhöhe, hantiert mit langen Pinzetten, um erst einen Streifen dunkles Gewebe und dann eine gelbes Plastikügelchen, den Rohling, durch die Öffnung zu stecken. Dann entfernt er den Keil, und die Auster darf sich wieder schließen.

„Was Ihr hier seht, ist eigentlich Betriebsgeheimnis“, flüstert Emile. Dann erklärt er uns an einer toten Auster Einzelheiten. „Die eingepflanzten Gewebeteile sorgen für die schwarzblaue Farbe“, sagt er. „Wir schneiden sie aus einer Muschel mit besonders schön glänzendem Perlmutt.“ Die Blase, in die der Operator den Rohling einsetze, wabert glasig im Muschelfleisch. „Darin brütet sie die Perle aus.“

In neue Netze verpackt wie Supermarkt-Nektarinen nehmen die präparierten Schalentiere nun den gleichen Weg zurück – bis sie wieder übereinander an den Lagunenleinen schweben. In ein paar Monaten werden sie, wenn Emile und seine Kollegen etwas Glück haben, den Rohling als Fremdkörper mit Perlmutt umschlossen haben. Vielleicht sogar derart perfekt, dass er dann wieder den Herrgott preist.

„In den Achtziger Jahren hat die Farmenzucht hier angefangen“, erzählen uns Emile und

sein Taucher Fonu Piniata, ein stämmiger Blondschopf, dem die nassen Strähnen nun im Gesicht hängen, auf der Rückfahrt. „Du verdienst gut, kannst Dir ein Haus bauen und mitunter auch reisen, wohin Du willst.“ Nicht alle machten es auf gleiche Weise, aber ein jeder habe inzwischen Zugang zu einer Farm. Und wenn die Arbeit zu viel werde, helfe man sich gegenseitig. Auf jede Zuchtfarm kämen Zehntausende von Austern. „Nachwuchs gibt es ja genug“, zeigt Emile zuhause auf einen Haufen buschiger Girlanden. „Wenn Deine Austern nicht mehr brüten, musst Du nur diese Flatterseile ein paar Meter tief ins Wasser hängen, dann wachsen daran neue. Denn sobald die Eier der Muttertiere sich lösen und in Richtung Meeresboden sinken, halten sie sich daran fest.“

Unser Tag endet wie er begonnen hatte – mit einem Pfarrer, der gen Himmel betet: In Manihikis Kirchlein unter dem roten Abendhimmel mahnt er seine 400 Seelen, weiterhin dankbar und gottesfürchtig zu bleiben. „Bevor die Perlenfarmen aufkamen“, sagt uns

Pater Augustino später augenzwinkernd, „sammelten wir hier die Austern nur und handelten damit. Nun aber rennen manche hinter dem Geld her.“ Die Predigten sind freilich auch für ihn nur Nebenjob. Hauptberuflich ist er – Perlenzüchter.

Emile teilt seine Sorge nicht. Tatsächlich ist auf dem Atoll von Luxus oder zur Schau gestellem Reichtum nichts zu spüren, obwohl die Bewohner den Cook-Inseln über Gebühr die Steuerkasse füllen. „Die meisten hier verkaufen ihre Perlen nur, wenn es sein muss“, weiß Emile. „Wir genießen lieber die Ruhe.“

Noch nie habe es ihn zudem von hier weggezogen. „Ich war immer ein Kind dieser Lagune. Als Junge wuchs ich fast im Wasser auf. Fischefangen, Muschelsammeln, mit meinem Vater und meinen Brüdern. Als ich zehn war, brachten sie mir das Tauchen bei. Und seit damals weiß ich, dass mir dieser Ort immer wieder sagt, ich muss hierher zurückkommen.“

Am nächsten Morgen ruft er uns, was man auch auf Manihiki Taxi nennt. „Ein jeder, der hier irgendwas besitzt, das fährt, ist bei Bedarf auch Dein Chauffeur“, verabschiedet er uns. Man müsse ihn nur rufen. Der Pickup des fülligen Dörflers hat Rostlöcher im Boden, so groß, dass man auf seine Füße aufpassen muss. Aber nach drei Runden kräftigen Handkurbelns springt er immer noch an, und die Ladefläche reicht genau für unsere Kisten. Der Weg ist ohnehin nicht weit. Nur ans andere Ende der Piste.

Wo der Pilot auf guten Wind hofft – um rechtzeitig abzuheben. Und damit er unterwegs nicht umkehren muss. Auf der einsamsten Flugroute der Welt.

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