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Freiheit der Landstraße

11. Januar 2008, Hörzu

Report: Amerika Der US-Alltag steckt voller Gegensätze. Größter Streitpunkt ist zurzeit der Umweltschutz, beschreibt Klaus Scherer.

Klaus Scherer ist Korrespondent der ARD in Washington Land des großen Himmels" nennen Montanas Bewohner ihre Heimat. Als ich von den Rocky Mountains auf die Ebenen blicke, weiß ich, warum. Die Straße führt nun schnurgerade bis zum Horizont. Präriegras beugt sich unter Sturmböen. Darüber treiben Wolkentünne. "Früher sagten uns die Alten, dass der Wind von einem großen Hirsch komme, der in den Bergen mit den Ohren wackle", lacht Schwarzfüß-Indianer Curly Bear, den wir durch dieses weite Land begleiten. "Einmal hat ein böser Grizzly den Hirsch mitsamt dem Wind gestohlen und in ein Fellbündel gefesselt, bis ihn ein Indianerjunge mit anderen Tieren überlistete", hören die Schulklassen, die er hier besucht. Die Eule habe das Grizzly-Versteck erspäht und der Junge diesen daraufhin mit Pfeifenrauch betäubt. So habe der Kojote das Bündel hervorholen können. "Dann pickte das Huhn die Nähte auf, und der befreite Wind wirbelte den Staub nur so auf. Seitdem hat das Präriehuhn braune Flecken." Bei den Schülern ist Curly Bear ein willkommener Gast. Seme Geschichten lehren, dass man gemeinsam stärker ist und dass die Natur allen gehört - obwohl auch die "Blackfeet" nicht stark genug waren, um den weißen Armeen standzuhalten, die ihnen einst ihr Land wegnahmen. Neben Curly Bear führt uns die Mantaaza-Drehreise zn ergrauten Aussteigern der Hippie-Generation, die sich in einsame Blockhütten zurückzogen, und zu Geisterstädten der Goldgräberzeit, in denen Schürfrechte-Inhaber dank steigender Edelmetallpreise die alten Minen wieder öffnen. Oder zu heutigen Zuzüglern, die ihre Villen an der Küste verkaufen, um sie hier gegen viermal so viel Land einzutauschen. "So, wie ihr Europäer von hundert Jahren Geschichte schwärmt", sagt mein Nebenmann auf dem langen Flug zurück nach Washington, "so schwärmen wir von hundert Meilen Landstraße und von der Freiheit, die sie bedeuten." Warum stellt ihr dann immer gleich Stoppschilder hin, liegt mir auf der Zunge. Doch ich habe mir vorgenommen, über jene Kulturdetails hinwegzusehen, an die ich mich wohl nie gewöhnen werde. An Keimer etwa, die eine Spaghetti-Bestellung "cool" finden. Oder an Anrufer, deren Computerstimme ich erst nach zweiminütigem Monolog erkenne - wenn sie mich auffordert, die Stemtaste zu drücken. Oder an Verkehrsteilnehmer, die ihre Acht-Zylinder- Spritschlucker auch dann noch vom Coffee-shop zum Blumenladen bewegen, wenn die nur zwölf Meter auseinanderliegen.

Glaubt man den Präsidentschaftsfavoriten, dürfte sich allerdings Letzteres bald ändern; Oft berichteten wir dieser Tage über das politisch grüner werdende Amerika. "Die Mehrheit ist weiter als die jetzige Regierung", versichern uns Fachleute, so, wie es Parlamentarier der Klimakonferenz von Bali schrieben. Andere fürchten indes weiter die Öl- Lobby. "Auch unter Bill Clinton .hat der US-Senat das Kyoto- Protokoll klar abgelehnt", warnen sie. "Der Vizepräsident hieß damals übrigens AI Göre." Ein ranghoher Regierungsberater erklärt mir später, dass Amerika auf Bali keineswegs den Kurs geändert habe. "In Wahrheit ist euer Umweltminister gescheitert. Er wollte Grenzwerte, wir wollten keine. Gab es welche?", grinst er mich an. Und als ich den Fernseher einschalte, nennt der Moderator Klimaschutz- Programme "sozialistisch". Das Allzweck-Killer-Wort im Land der Freiheit - und der raffiniertesten Polit- PR. Zuvor waren unsere Reportertage von Kaliforniens Großbränden geprägt, vom Nahostgipfel in Annapolis, von gelöschten CIA-Videos und - spätestens das sind keine Kleinigkeiten mehr - deren mutmaßlichem Inhalt: Folterverhöre. "Warum sollte das jemand löschen", schäumt Senator Edward Kennedy, "wenn nicht, um es zu vertuschen?" Auch ein Ex-CIA-Ermittler, der selbst foltern ließ, tritt auf. "Wenn wir wirklich besser sein wollen als andere", sagt er heute, "sollten wir so etwas nicht tun." Doch der US Supreme Court hat noch nicht mal entschieden, ob für Amerikas Geheimhäftlinge der Rechtsstaat gilt. "Diese Regierung hat die Gewaltenteilung außer Kraft gesetzt", klagt ein Fachjurist im Interview. "Ich hoffe, die Richter korrigieren das bald." Im Alltag korrigiert derweil tatsächlich jenes "bessere" Amerika manches trübe Bild unserer Ankunftswochen. Als morgens im Bus meine Dollarnote nicht in den Kassenschlitz will und ich im Nacken die Warteschlange spüre, erreichen mich von dort drei bügelglatte Scheine - und die freundliche Bitte, es doch mit diesen zu probieren. Welch angenehmes Gegengift zu all dem Hand- am-Colt-Gehabe ("Kein Essen! Kein Trinken! Kein lautes Reden!", "Kommentare zu Sicherheitschecks sind strafbar!") in Flughäfen und Ämtern.. Ja, wir sind angekommen. Unsere Tochter schmettert englische Kindergartenlieder, als habe sie nie eine andere Sprache gelernt. Ihr älterer Bruder kennt alle Stars der Basketball-Liga. Das knappe "Mäss" des Taxifahrers verstehen wir ortskundig als "Massachusetts Avenue". Wir messen Milchmengen in Unzen und Körpergrößen in Peet und Inches. Nur meine Frau schrie neulich markerschütternd aus dem Bad, weil sie die Angäbe der Personenwaage für deutsche statt für amerikanische Pfunde hielt - ein kultureller Unterschied von knapp fünf Kilo mehr. "In Wahrheit ist euer Umweltminister gescheitert", grinst mich der Regierungsberater an.

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