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Arbeiten im Ausland

Februar 2010, Academic World

Viele Studierende machen sich während oder unmittelbar nach dem Studium Gedanken darüber, was die Vor- und Nachteile einer Arbeit im Ausland sind. Wer wäre da als Gesprächspartner besser geeignet, als ein Mann, der von Berufswegen im Ausland arbeitet und viel unterwegs ist. Wir haben Klaus Scherer, ARD-Auslandskorrespondent in Washington einige Fragen zum Thema „Arbeiten im Ausland“ gestellt.

Sehr geehrter Herr Scherer, wie lebt und arbeitet es sich in Washington?

Es ist eine recht grüne Stadt, keine Megacity wie Los Angeles. Das ist für Familien mit Kindern ganz angenehm. Allerdings überwiegt das Hauptstadtflair gelegentlich allzu sehr, mit Regierung und Ministerien, Weltbank, Währungsfond, Diplomaten und, ja, Korrespondenten allüberall. Dann wird es wieder Zeit zu reisen, um in diesem Riesenland mal wieder mit "echten" Menschen über das "echte" Leben zu reden, wie wir gerne sagen.

Wie sieht Ihr Tagesablauf als ARD-Auslandskorrespondent in Washington aus?

Wenn ich nicht unterwegs bin, stehe ich morgens um sechs auf, lese die Washington Post aus dem Briefkasten und andere Quellen online. Dann holen wir den Tag auf, denn am Newsdesk in Hamburg ist es da schon Mittag, und wir gehen Themen und Bestellungen durch. Eine Live-Schalte in die 15-Uhr-Tagesschau erwischt einem da schon morgens um neun. Nachrichten-Tage enden dann um 18.30 Uhr, mit dem Nachtmagazin zuhause.

Unterscheidet sich die Arbeit als Reporter in den USA von der in Deutschland?

Ja, schon eben wegen der Zeitverschiebung. Wir berichten deshalb oft über Ereignisse, die noch gar nicht begonnen haben oder zumindest noch im Fluss sind und die man deshalb nur schwer bewerten kann. Oder warten ungeduldig auf die letzten Bilder, um sie noch in die aktuelle Sendung zu bekommen. Etwa bei der Amtseinführung des neuen Präsidenten Barack Obama, als er mit seiner Frau überraschend aus der gepanzerten Limousine stieg und eine Weile winkend auf der Straße schlenderte - kurz vor den "Tagesthemen".

Sie leben und arbeiten als Deutscher seit 2007 in den USA. Fühlen Sie sich überhaupt „im Ausland“?

Oh ja. Ich finde zwar hier nicht die Exotik Asiens. Aber auch Amerika erschließt sich einem als eigenwillig, wenn auch oft erst auf den zweiten Blick. Die Erkenntnis, dass dies nicht nur ein Land, sondern ein ganzer Kontinent ist, fasziniert dann schnell. In jedem Inlands-Linienflieger sitzt hier mindestens einer mit Pelzmütze und einer mit Flipflops. Und wenn's ganz verrückt kommt, ist es sogar derselbe.

Was macht für Sie den besonderen Reiz aus, im Ausland zu arbeiten?

Der berühmte erweiterte Tellerrand. Das korrigiert die Maßstäbe, auch wenn es das Leben, wenn man später zurückkommt, nicht immer einfacher macht. Wenn man, beispielsweise, in Nordkorea Hungernde gesehen hat oder die Schockstarre der Tsunami-Regionen, kann man sich über manches andere nicht mehr aufregen. Als ich so aus Asiens zurückkam und das Radio einschaltete, lief die Top-Meldung, dass Niedersachsen die Rechtschreibreform weder einführe noch rundweg ablehne. Da fragte ich mich, auf welchem Stern ich wohl gelandet bin.

Welche Änderungen in Ihrer persönlichen Einstellung mussten Sie vor sich nehmen, weil Sie merkten, dass Sie damit im Ausland nicht weiterkommen?

Ich gehe nicht mehr davon aus, dass man als vernünftiger Erwachsener erfolgreich Telefonate mit Behörden, Versicherungen oder Telefongesellschaften durchsteht. Stattdessen bereite ich mich darauf vor wie Boris Becker einst auf Fünfsatzspiele, mit reichlich Traubenzucker, Banane und gefüllter Wasserflasche. Es dauert dann mindestens eine halbe Stunde, bis Sie alle Warteschleifen-Antworten durchlitten und endlich einen Menschen am Rohr haben, der sie nicht abwimmelt, vertröstet oder einfach wieder auflegt, sobald Sie einen Hauch Ungeduld erkennen lassen.

Welche typisch deutsche Eigenschaft haben Sie sich bewahrt?

Die Liebe zu gutem Brot.

Welche Auslands-Stationen haben Sie schon hinter sich, welche werden wohl noch kommen und was wäre Ihr persönliches Lieblingsziel?

Das Ziel ist der Weg, wo immer er hinführt. Das hat mich Japan gelehrt, wo ich meine erste Korrespondentenzeit verbrachte, mit Berichtsgebiet Fernost, wozu Korea, die Philippinen und die ganze Südsee zählten. Danach bin ich von Hamburg aus recht abenteuerlich gereist, etwa an der Datumsgrenze oder am Polarkreis entlang. Daraus entstanden bildstarke Filme und Bücher, was immer eines meiner journalistischen Ziele war, weil ich das Schreiben nie aufgegeben habe. Natürlich war auch Washington Reporterziel, aber weder verbissen angepeilt noch über allem anderen stehend.

Wie bereiten Sie sich/haben Sie sich auf bevorstehende Arbeitsplatzwechsel in neue Länder vorbereitet?

Vor dem Wechsel nach Asien hatte ich tagelang im Hamburger Institut für Asienkunde Fakten gebüffelt, dann die Schulbank gedrückt im Japanisch-Crashkurs. Wichtiger waren jedoch die Wochen, in denen ich zuvor den Korrespondenten vertreten durfte. Da schlägt learning-by-doing jede Theorie. Ansonsten: Es schadet nie, mit Menschen zu reden, die schon hinter sich haben, was auf einen selbst erst zukommt.

Viele Hochschulabsolventen gehen gleich nach dem Studium ins Ausland, wo sie Ihre ersten Berufserfahrungen sammeln. Was können Sie diesen raten? Welche Voraussetzungen sollten Sie erfüllen, beziehungsweise welche Vorbereitungen sollten Sie treffen?

Ich rate jedem, wenn irgend möglich schon im Studium ein, zwei Auslandssemester einzulegen. Ich selbst habe das nie geschafft. Aber es hilft, früh Berührungsängste abzubauen, man hat noch nicht den Druck wie später im Berufsleben, und es gibt breite Angebote. Gerade unter Studenten habe ich hier Nachwuchsjournalisten getroffen, die mit US-Medien besser vernetzt waren, als ich es je sein werde.

Aus Ihrer eigenen Erfahrung: Welche ausländischen Hochschulabsolventen werden derzeit in Amerika gesucht?

Da kann ich allenfalls über die eigene Branche reden. Wir suchen hin und wieder journalistische Producer, die sowohl das deutsche als auch das amerikanische Nachrichtengeschäft kennen. Aber auch freie Kameraleute und Cutter, die in ereignisreichen Zeiten für uns arbeiten.

Bitte vervollständigen Sie die beiden Sätze:

Arbeiten im Ausland ist...

...manchmal schwer. Mitunter aber leichter als die Rückkehr.

Was ich im Ausland am meisten vermisse...

...sind Kartoffelklöße, halb und halb. Ohne Kochbeutel.

Das Interview führte Florian Jetzlsperger.
www.academicworld.net

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