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"Angelhaken nicht verschlucken!"

6. Januar 2010, Berliner Zeitung

Immer mehr US-Firmen versuchen sich mit absurden Produktwarnungen vor Schadenersatzklagen zu schützen.

Im Fadenkreuz grast still das Wild. Der Jäger hat den Finger schon am Abzug. Der Ruf der Natur gilt dann allerdings ihm. Er muss mal, und das mitten im Wald. Doch der Werbe-Videoclip bietet sogleich die Lösung an: eine ans Autoheck montierbare Outdoor-Klobrille, die sogar einen olivfarbenem Tarnbezug hat. An der Halterung prangt unübersehbar der Hinweis: "Nicht am fahrenden Auto benutzen!"

Ob das Produkt ein Erfolg wird oder nicht − die Erfinder der Outdoor-Klobrille zumindest sind von ihrer Idee begeistert. "Zwar sollte jeder selber wissen, dass man nicht auf einem Klositz Auto fährt", sagt der Unternehmer Greg Jackson in seinem texanischen Warenlager. "Aber für den Fall, dass uns jemand deshalb auf fünf Millionen Dollar Schadensersatz verklagt, können wir sagen: Da steht es, schwarz auf weiß."

Jackson ist kein Einzelfall. Im Shoppingland Amerika scheuen viele Firmen, gerade wenn sie neu am Markt sind, das Risiko, von findigen Klägern ruiniert zu werden. Denn das Haftungsrecht kennt in den USA kaum eine Beschränkung. Den Justiz-Kritiker Bob Dorigo Jones aus dem US-Bundesstaat Michigan regt das auf. "Die Schadenersatz-Anwälte drängen Verbrauchern solche Verfahren regelrecht auf, sobald sie in der Zeitung von einem geeigneten Unfall lesen", schimpft er. "Selbst wenn die Firmen am Ende den Prozess gewinnen würden, haben viele gar nicht das Kapital, um durch die Instanzen zu gehen. Also zahlen sie. Und versuchen, mit unsinnigen Hinweis-Stickern vorzubeugen."

In seinem Büro hat Jones über die Jahre einen ganzen Warenkorb mit absurden Beispielen gesammelt: Als erstes führt er ein kleines CD-Regal vor, mit dichten Sprossen, kaum eine Unterarmlänge hoch. Darauf klebt der Hinweis: "Nicht als Leiter benutzen!". Dann präsentiert er einen Angelhaken, auf dessen Verpackung gedruckt steht: "Bitte nicht verschlucken!" − "Gut, dass Fische nicht lesen können", sagt Bob Dorigo Jones und greift tiefer in den Korb. Er zieht daraus eine Sonnenschutz-Pappe für Auto-Frontscheiben hervor. "Vor dem Losfahren wieder entfernen", liest er vor, was auf deren Rückseite geschrieben steht. Und dann zeigt er sein Lieblingslabel: ein Fön mit der Firmenwarnung, das Gerät nicht im Schlaf zu benutzen.

Begonnen habe das alles mit einem zu heißen Kaffee, den eine McDonald's-Kundin einst im Auto auf sich geschüttet hat, erzählt Bob Dorigo Jones. Mit Anwaltshilfe verklagte sie die Fastfood-Kette und forderte Schadenersatz in Millionenhöhe. Am Ende erhielt sie immerhin 600 000 Dollar von McDonald's. "Seitdem", beschwert sich Bob, "hat sich das Land verändert." Er finde für seine Kinder in keinem Hotel-Swimmingpool mehr ein Sprungbrett. Weil so viele Eltern, wenn sich jemand wehtat, das Hotel verklagten. Allein deshalb, weil dort Geld zu holen war. "Oder schau dir die Spielplätze der Schulen an. Keine Wippen mehr, kaum etwas, um sich noch zu bewegen", sagt er. "Sobald ein Kind mal eine Beule hatte, verklagte man hier die Schule."

Ein Kulturverfall, schimpfen die Kritiker. Ein Sieg der Dummheit. Als könnte man nicht wissen, dass man − wie ein weiterer Produkthinweis belehrt − einen Kinderbuggy "nicht mitsamt dem Baby" zusammenfaltet. Auch viele amerikanische Verbraucher finden solche Hinweise ziemlich lächerlich. "Wenn einer deshalb den Hersteller verklagt, sollte man ihn ins Irrenhaus stecken", sagt ein Mann, der auf einer Washingtoner Einkaufsstraße unterwegs ist. "In anderen Ländern würde man sagen, Wenn du unter den Rasenmäher greifst, bist du bescheuert'", pflichtet ein anderer Passant bei. "Das wäre nie ein Fall für den Richter." Und eine mit Einkaufstüten bepackte Frau sagt: "Wir Verbraucher zahlen am Ende so viel Geld für diese Prozesse. Und es werden dadurch nur noch mehr. Diese Anwälte lenken noch unser ganzes Leben."

Tatsächlich profitieren gerade Amerikas Schadenersatz-Anwälte von all dem. "Du musst sie nur bezahlen, wenn sie den Prozess gewinnen", erläutert der Justiz-Kritiker Bob Dorigo Jones. "Man denkt schon, man ist eher der Doofe, wenn man nicht klagt." In einer Radioshow in Michigan stellt Jones regelmäßig neue Produkte vor und vergibt Preise für die albernste Verbraucherwarnung. Die "Off-Road-Klobrille" ist auch darunter. Dazu ein Computerdisplay, das man laut Label "nicht aufessen" soll, und einiges mehr. Die Hörer stimmen für die Klobrille.

Anwälte hin oder her. Warum aber nehmen die US-Richter solche Klagefälle überhaupt an? "Richter werden bei uns gewählt, alle vier Jahre", sagt Bob Dorigo Jones. "Und wie werden sie gewählt? Indem sie in Fernsehspots und Zeitungsanzeigen für sich werben. Und wie bezahlen sie das? Durch Spenden von Anwälten, die ihr Geld mit solchen Klagen verdienen. Es ist ein Kreislauf."

Natürlich halten manche dagegen, dass Amerikas Firmen so immer umsichtiger würden und das Land immer sicherer. Etwa dadurch, dass immer weniger Verbraucher sich gegenseitig in Wäschetrockner steckten. "Nicht für Menschen", steht doch tatsächlich auf einem Trockner in einem Waschsalon gleich um die Ecke. Der Inhaber gewann Bobs Preis schon vor Jahren, als er davon ein Foto einschickte. "Ich hatte die Show gar nicht selbst gehört", erinnert er sich. Irgendwann rief mich jemand an und sagte, hey, du hast 500 Dollar gewonnen. Mich hat's fast umgehauen."

Dass Maschinen-Hersteller lieber Labels kleben als Prozesse zu verlieren, kann aber auch der Waschsalon-Betreiber verstehen. In New York seien betrunkene Jugendliche tatsächlich einmal in eine Waschtrommel geklettert. Einer davon kam dabei um. Der Hersteller musste zahlen.

"Wenn die Regierung alle Sicherheitsstandards regeln würde, wären sie nicht besser und nicht billiger", beteuert der Rechtsexperte John Hasnas von der Washingtoner Georgetown Universität. Man mag das belächeln. Als wäre in den USA jeder sein eigener Staatsanwalt. Aber das System motiviere die Verbraucher wirklich, durch Klagen Produkte zu verbessern, sagt Hasnas. "Und das effizient, schnell und insgesamt kostengünstig." Amerikas Imbissketten hätten früher Kaffee in Temperaturen ausgegeben, die zu schweren Verbrennungen führen konnten, sagt Hasnas. Beschwerden verletzter Mitarbeiter hätten sie nicht ernst genommen. Erst die Millionenklage habe zu Veränderungen geführt.

Bob Dorigo Jones rauft sich dennoch die Haare. In seiner Kiste liegt ein Feuermelder. "Auf der Gebrauchsanweisung heißt es wörtlich", sagt er, "dass das Drücken des Batterie-Test-Knopfs kein Feuer löscht." Dann zückt er einen Schienbeinschützer. "Und hier, dass dieses Ding nur Körperteile schützt, die es tatsächlich abdeckt. Als würde ein Schienbeinschützer zudem auch noch Deinen Kopf behüten!" Ein "Scherz"-Artikel noch, dann ist er Korb geleert: Eine Cornflakes-Packung, der Bildchen beigelegt sind, die auf Textilien aufgebügelt werden können. "Achtung: Bügeleisen sind heiß", steht darunter. "Nicht auf Ihr T-Shirt bügeln, während sie dieses tragen!"

Ein Risiko für Hersteller

In Deutschland ist die Haftung des Herstellers für Schäden, die aus der Benutzung seiner Produkte resultieren, seit 1990 im Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) geregelt.

Hersteller haften nur, wenn ihre Produkte nicht die Sicherheit bieten, die ein verständiger objektiver Verbraucher erwarten kann.

Anders als in den USA ist nicht die subjektive Erwartung einer Einzelperson, sondern die Meinung der Allgemeinheit dabei entscheidend. Eine Haftung ist ausgeschlossen, wenn die fehlende Sicherheit von der Gesellschaft als normal akzeptiert wird. So ist etwa allgemein bekannt, dass Zigarettenkonsum Krebs auslöst. Tabakkonzerne können also nicht verklagt werden wie in den USA.

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Klaus Scherer | Journalist und Autor
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