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Amerika, weites Land

12. Januar 2008, Hamburger Abendblatt

Streifzug: Wenn Aussteiger, Indianer und Goldgräber erzählen. Der ARD−Korrespondent schreibt im Abendblatt über seine erste Montana−Reise.

Krummbeinig schlurft Jimmy Marten um seine Blockhütte herum, schon sichtlich zerzaust von den Jahren in der Wildnis. Doch die Brennholzscheite spaltet er noch alle mit nur einem Axthieb. Zusammen mit seiner Frau kam er einst aus Kalifornien in die unberührten Wälder nahe Kanada, als Ex− Hippie auf der Suche nach der letzten Freiheit. Nun sind sie beide grau geworden. "Das Einzige, was uns hier je gefehlt hat", sagen sie, "waren die Strände und das Meer. Aber wie man sieht, haben wir dieses Paradies gegen nichts mehr getauscht."

Neben den Ex−Blumenkindern treffen wir eine Goldgräberfamilie, die jahrelang in einer vernagelten Grubenstadt ausharrte, bis der Edelmetallpreis in alte Höhen kletterte. Nun nehmen sie die Mine wieder in Betrieb, um jenes Gold zu bergen, an das sie immer glaubten.

Oder wir nähern uns behutsam Bisonherden, denen hier noch ein Refugium blieb. Als wir später die letzten Ausläufer der Rocky Mountains überqueren, liegen die großen Ebenen vor uns: Präriegras, das sich im Dauerwind biegt, und eine Straße, die jetzt nur noch geradeaus führt, bis an den Horizont.

Ich hatte gewartet auf diesen Moment, in dem jenes unfassbar weite Land auch mich begeistern würde, allein durch seine Dimensionen, seine Größe. Dem Polit−Raumschiff Washington, das noch immer von den Vortrommlern im Weißen Haus beschallt wird, die ihren Kritikern keinen Fußbreit Ideologie preisgeben wollen, fehlt dieses erhabene Flair. Ein europapolitischer Regierungsberater, den ich zuletzt dort traf, grinste mich breit an, weil sein Land bei der Umweltkonferenz auf Bali erneut Klimaschutz−Zielwerte verhindert hat. Und beharrte darauf, dass der Treibhauseffekt nur eine strittige Theorie sei. So selbstgefällig reden sie dann auch über Folter, über gelöschte CIA−Tapes und über einen drohenden Dritten Weltkrieg gegen Iran.

Wer hier draußen mit den Menschen spricht, erkennt bald, dass Amerikas Politik den Amerikanern peinlich ist. "Fühlten Sie sich von den Deutschen zu Beginn des Irak−Krieges im Stich gelassen?", will ich wissen, als wir an der nächsten Straßenkreuzung die Gäste des Saloons befragen. "Wieso?", sagen sie unisono, "das war doch die einzig richtige Haltung!" Wären das Deutsche, müssten sie noch immer den Vorwurf des Anti−Amerikanismus fürchten. Hier nicht.

Dass selbst in Iowa bei den Präsidentschaftsvorwahlen die große Mehrheit den jungen, versöhnlichen Schwarzen Barack Obama feierte, zeugt davon, wie sehr die Bürger Washington verändert sehen möchten.

Amerika, weites Land

Und auch das findet man hier draußen eher: Würde. Die des Indianers "Lockiger Bär" etwa, der in Montanas Schulen wunderbare Geschichten aus seiner Kindheit erzählt. Vom großen Hirschen etwa, oben in den Bergen, der ständig mit den Ohren wackle und so den Wind auslöse, und von dem Grizzlybär, der ihn einmal mitsamt dem Wind geraubt habe bis die anderen Tiere ihn gemeinsam überlisteten und den Wind befreiten, weil er allen gehörte.

Eine Fabel vom Teilen und von solidarischer Stärke, die den Kindern gefällt, auch weil der Zöpfe tragende Alte sie so erwärmend vorträgt, wie er sie einst von seinem Großvater erzählt bekam.

Abends dann stimmt im Saloon der Western−Gitarrist den Blues an, um den einzigen Verlust von Jimmy Martens und seiner Gattin erträglicher zu machen. Und besingt etwas, das es nicht gibt − den Strand von Montana.

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Klaus Scherer | Journalist und Autor
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